Rue Obscure

Grauer Novembernebel. Ein leeres Schlachthaus im Hinterhof eines Münsteraner Vorortes. In dem hohen, steril gekachelten Raum sind die Erinnerungen an geschäftige Zeiten noch sehr lebendig. Geheimnisvoll und beunruhigend sind die Gestalten, die sich hier herumtreiben. Was führen sie im Schilde, welche undurchsichtigen Fäden verbinden sie? Realität und Traum rutschen ineinander. Ort, Zeit, Perspektive, Materie und Personen werden variable Größen.

Ein experimentelles Stück Theater, dessen Traumbilder und Emotionen unbemerkt Brücken in den Wachzustand mit seiner scheinbaren Logik bauen.

„Damit hat Münsters Theaterlandschaft ein weiteres spannendes Ausflugsziel.“ WN, 23.11.2009

Presseartikel – Münstersche Zeitung, 23.11.2009

Alptraum im Schlachthaus

Theater: Neue Gruppe RUE OBSCURE zeigte surrealistische Träume

Von Heiko Ostendorf

Dieser Theaterabend will kein normaler sein. Das ist von Anfang klar. Schließlich muss der Zuschauer erstmal den ehemaligen Schlachthof in einem Gremmendorfer Hinterhof finden.

Dann bekommt er nach Entrichtung des Eintrittspreises einen Stuhl in die Hand gedrückt und wird von einer älteren Dame im elektrischen Rollstuhl rigide in den Aufführungsraum getrieben. „Und jetzt benehmen Sie sich anständig, wenn ich bitten darf“, gibt diese in Offiziersmanier Anweisungen.

Die Theatergruppe RUE OBSCURE wurde für dieses eine Projekt von der Theaterpädagogin Anne Keller gegründet. „Ich wollte Freiraum zum Experimentieren“, erzählt die junge Frau. Ihre Mitstreiter hat sie aus Münsters Szene und aus Kursen am Paul-Gerhardt-Haus akquiriert, wo sie für Jugendliche Schauspielkruse gibt. Herausgekommen ist „theater.schlachthaus.traum“. Die Szenen dazu sind in Improvisationen entstanden. „Durch die Atmosphäre des Raums ist auch viel passiert.“

Auf einer Leiter über dem Eingang hockt eine Frau, die ganz in Schwarz gekleidet ist. Stets hält sie ihren Arm wie verkrüppelt auf dem Rücken. In einer Ecke haust eine Dame im Pelz und aus dem Kühlraum erscheint eine junge Frau, die von spinnwebähnlichen Stoffen festgehalten wird. Die Figuren reagieren irgendwann aufeinander. Die eine versucht die andere mit Lakritz zu füttern. Eine andere klaut der Mitbewohnerin die Spielkarten oder will das Mädchen in Weiß mit einem Apfel wieder aus dem Kühlhaus locken.

Es sind alptraumhafte Sequenzen, die scheinbar sinnlos aneinander gereiht sind. Doch treffen sie sich in einer verstörenden Surrealität, überlagen sich zu einem fesselnden Bild aus Seelenzuständen, verlorenen Hoffnungen und Erinnerungen an bessere Zeiten. „Wir wollten für die Zuschauer einen möglichst großen Assoziationsraum schaffen“, so Keller. Das ist ihr gelungen. Die Szenen fungieren als Leinwand für die Projektionen in den Köpfen der Zuschauer.

Anne Keller will nach diesem Erfolg mit RUE OBSCURE weitermachen. Eine Aufführung pro Jahr möchte sie verwirklichen. Surrealistische Formen sollen dann wieder auf ungewöhnliche Orte fernab gewöhnlicher Theatereinrichtungen treffen. Damit hat Münsters Theaterlandschaft ein weiteres spannendes Ausflugsziel.

Spiel: Antje Hey, Luca Spliethoff, Karina Behrendt, Irene Morlo
Regie: Anne Keller
Videos, Licht- und Tontechnik: Sersch Hinkelmann
Kostüm und Bühne: Karina Behrendt
Choreografie: Nadine Giese
Design: Martin Menger
Technik- und Bühnenassistenz: Desirée Schnitker, Andreas Goretzka
Beratung Technik: Volker Sippel

In Kooperation mit dem Paul-Gerhardt-Haus Münster
Gefördert durch das Kulturamt der Stadt Münster

Ehemaliges Schlachthaus in Münster, Gremmendorf
13. bis 14.11.2009
19. bis 21.11.2009